BfG Geesthacht: Eine Analyse des Machtverfalls der „Bürger für Geesthacht“
Warum die einst stolze Wählergemeinschaft zwischen Identitätsverlust, politischem Tourismus und strategischer Beliebigkeit zerrieben wird.

Ein Gastbeitrag von Erdal Torun
10 Min. Lesezeit
BfG Geesthacht Analyse

Politik in der Kommune ist, in ihrer reinsten Form, ein Versprechen. Es ist das Versprechen, dass die Interessen der Bürger direkten Eingang in den Ratssaal finden – ungefiltert durch die ideologischen Linsen Berliner Parteizentralen. Dieses Versprechen war einst das Gründungsfundament der Bürger für Geesthacht (BfG).

Doch wer heute, im Jahr 2026, eine Bilanz der politischen Landschaft unserer Stadt zieht, muss konstatieren: Dieses Versprechen wurde gebrochen. Die BfG, einst das bürgerliche Gewissen Geesthachts, befindet sich in einem fortgeschrittenen Stadium der politischen Erosion. Sie ist nicht mehr Taktgeber, sondern Getriebene. Sie ist nicht mehr Korrektiv, sondern Komplize.

Dieser Artikel ist der Versuch einer Autopsie. Er geht der Frage nach, wie eine Wählergemeinschaft ihre Seele verlieren konnte und warum ihr Verschwinden in der Bedeutungslosigkeit bei der kommenden Kommunalwahl nicht nur wahrscheinlich, sondern – so hart es klingt – folgerichtig ist.

I. Die Genesis: Der Verrat an den Gründervätern

Um die Fallhöhe der heutigen BfG zu verstehen, muss man sich an ihre Ursprünge erinnern. Wählergemeinschaften entstehen oft aus einer Notwehrsituation der Bürgerschaft. Die Gründungsväter der BfG waren keine Karrierepolitiker. Es waren Geesthachter Originale – Handwerker, Kaufleute, tief verwurzelte Anwohner.

Ihr politischer Kompass war simpel, aber präzise eingenordet: Pragmatismus vor Ideologie. Sie verstanden sich als Anwälte des Steuerzahlers. Wenn die großen Parteien Geld für Prestigeprojekte verpulvern wollten, war die BfG das Stoppschild. Wenn die Verwaltung sich verselbstständigte, war die BfG das Kontrollorgan. Es war eine Politik des „Gesunden Menschenverstands“, konservativ im besten Sinne des Wortes: bewahrend, sparsam, unabhängig.

Blickt man heute auf die Fraktion, ist dieser Geist verflogen. Die BfG hat eine Metamorphose vollzogen, die ihren Markenkern bis zur Unkenntlichkeit entstellt hat. Aus dem kantigen „Wachhund“ ist ein politischer Hybrid geworden, der im Zweifel lieber den Konsens mit SPD und Grünen sucht, als den Konflikt für die Sache der Bürger zu wagen.

II. Der Faktor Hinrichs: Politischer Tourismus als Prinzip

Eine Wählergemeinschaft hat kein Parteiprogramm, auf das sie sich berufen kann. Sie hat nur ihre Köpfe. Die Glaubwürdigkeit des Führungspersonals ist ihre einzige Währung. Und genau hier liegt die toxische Schwachstelle der heutigen BfG.

Die Personalie Christoph Hinrichs, aktueller Fraktionsvorsitzender, ist symptomatisch für die Orientierungslosigkeit der gesamten Gruppe. Man muss die Fakten nüchtern betrachten, um die Absurdität zu begreifen: Wir sprechen über den Vorsitzenden einer Wählergemeinschaft, die traditionell das bürgerlich-konservative Lager adressiert. Doch derselbe Christoph Hinrichs trat noch zur Bundestagswahl 2021 als Direktkandidat für die Partei DIE LINKE im Wahlkreis Herzogtum Lauenburg an.

Seine Agenda vor kaum vier Jahren: Systemwechsel, radikale Umverteilung, linke Identitätspolitik. Dass sein Weg davor auch über die Piratenpartei führte, vervollständigt das Bild eines politischen Wanderers. Es ist eine Frage der intellektuellen Redlichkeit: Kann jemand, der 2021 noch stramm links kandidierte, im Jahr 2023 glaubwürdig bürgerliche Sparpolitik vertreten? Die Antwort lautet: Nein.

III. Die strategische Falle: Das „Me-Too“-Problem

Neben dem Glaubwürdigkeitsproblem leidet die BfG an einem strategischen Todesurteil: Sie hat ihr Alleinstellungsmerkmal (USP) aufgegeben. In der Marketingtheorie gibt es das Phänomen der „Me-Too“-Produkte – billige Kopien, die versuchen, das Original nachzuahmen. Die BfG ist zum „Me-Too“-Produkt der Geesthachter Politik geworden.

  • Wer linke oder grüne Politik will, wählt das Original (Die Grünen/SPD).
  • Wer klassische Verwaltung will, wählt das Original (SPD/CDU).
  • Wer aber eine echte, unbequeme Alternative will, findet in der BfG heute keine Heimat mehr.

Indem die BfG bei entscheidenden Themen (Krankenhaus Geesthacht, Haushalt, Stadtentwicklung) oft im Block mit den Etablierten stimmt, macht sie sich überflüssig. Warum sollte der Wähler die Kopie ankreuzen, wenn er das Original haben kann? Die BfG hat den fatalen Fehler begangen, Teil des Establishments sein zu wollen. Damit hat sie ihre Existenzberechtigung als Alternative verwirkt.

IV. Das Geesthachter Paradoxon: Die Wagenburg der Bequemen

Wie tief die BfG bereits im System der „Großen“ verankert ist, zeigt sich in einem soziologisch faszinierenden Phänomen, das ich als das „Geesthachter Paradoxon“ bezeichne. Als Bürger, der die Ausschüsse besucht und Fragen stellt, erlebe ich immer wieder denselben Reflex: Sobald kritische Nachfragen kommen, die Inkompetenz oder Untätigkeit der Verwaltung offenlegen könnten, bildet sich im Rat eine Wagenburg. SPD, CDU, Grüne und BfG schließen die Reihen.

Die BfG als Schutzschild

Die BfG agiert hier nicht als Anwalt des Bürgers, sondern als Schutzschild der Macht. Doch diese Einigkeit ist zynisch. Denn sobald es darum geht, Lösungen für Geesthacht zu finden – etwa beim Desaster um das Krankenhaus Geesthacht –, zerfällt diese Allianz sofort wieder.

Das entlarvende Fazit: Die Parteien in Geesthacht (inklusive der BfG) sind sich einig, wenn es um ihre eigene Ruhe geht. Aber sie sind heillos zerstritten, wenn es um das Wohl der Stadt geht.

V. Der Blick auf die Wahl: Das Ende einer Ära

Die Prognose für die kommende Kommunalwahl ist daher düster, aber realistisch. Die BfG wird zerrieben werden. Von oben drückt die CDU, die zumindest das Label „konservativ“ glaubwürdiger trägt als ein Ex-Linken-Kandidat. Von unten und aus der Mitte wächst der Unmut der Bürger, die sich von den etablierten Strukturen nicht mehr vertreten fühlen.

Die 10,7 %, die die BfG zuletzt erzielte, waren kein Fundament, sondern eine Decke. Sie basierten auf dem Ruf der Vergangenheit. Dieser Ruf ist aufgebraucht. Die Wählerbasis bröckelt, weil die BfG den Wählern keinen Grund mehr liefert, ihr das Vertrauen zu schenken. Sie ist weder Fleisch noch Fisch. Sie ist politisch obdachlos geworden.

Fazit: Das Vakuum muss gefüllt werden

Der bevorstehende Niedergang der BfG ist kein Grund zur Freude, sondern ein Warnsignal. Er hinterlässt ein Vakuum. Geesthacht braucht dringend eine Kraft, die das ursprüngliche Erbe der BfG-Gründer aufnimmt: Unabhängigkeit, finanzielle Disziplin, Bürgernähe und den Mut zur unbequemen Wahrheit.

Doch da die aktuelle BfG diesen Kompass fallen gelassen hat – oder besser: da er ihr durch eine beliebige Führung aus der Hand genommen wurde – müssen andere ihn aufheben. Eine Stadt wie Geesthacht kann es sich nicht leisten, nur verwaltet zu werden. Sie braucht Gestaltungswillen.

Wenn die BfG diesen nicht mehr liefern kann, ist ihre Zeit abgelaufen. Es ist Zeit für das Original.