Am 9. Juni 2026 titelte die Lauenburgische Landeszeitung (Funke-Mediengruppe): "Erinnerung ans Ahrtal: Starkregen auch in Geesthacht möglich." Die Unterzeile holt gleich die schwere Artillerie raus: "2021 verloren nach heftigen Regenfällen und einer Flut 135 Menschen ihr Leben. Bei anhaltendem Klimawandel sind Fluten auch hier möglich." Wer das liest, hat ein Bild im Kopf und Angst: Geesthacht, Ahrtal, 135 Tote, "auch hier möglich". Das Bild ist falsch. Und das Beste daran: Der Beweis dafür steht in der eigenen Zeitung, von ihrem eigenen Reporter, drei Jahre zuvor, mit demselben Wissenschaftler, zur selben Studie.
2023: "Solche Überflutungen sind nicht zu erwarten"
Am 14. Juli 2023 berichtete derselbe Verlag unter dem Titel "Hitze und Starkregen: So gefährlich wird es in Geesthacht" über genau die Studie, die 2026 wieder herhalten musste, die Starkregenmodellierung des Climate Service Center Germany (GERICS, Helmholtz-Zentrum Hereon) für das zentrale Stadtgebiet Geesthacht.
GERICS-Forscher Markus Groth stellte die Ergebnisse persönlich im Geesthachter Ausschuss für Stadt- und Verkehrsplanung vor, und der Artikel zitiert sein Resümee wörtlich: "In der Geesthachter Topographie sind solche Überflutungen nicht zu erwarten." Gemeint waren explizit Überflutungen "wie im Ahrtal", im selben Artikel von 2023 steht der Vergleich mit den damals 134 Toten und den 80 Milliarden Euro Schäden unmittelbar vor Groths Zitat.
Festhalten: 2023 fasst die eigene Zeitung die Kernaussage des zuständigen Wissenschaftlers so zusammen, dass ein Ahrtal-Szenario für Geesthacht nicht zu erwarten ist. 2026 macht dieselbe Zeitung aus genau dieser Studie eine Schlagzeile, die das Gegenteil suggeriert, ohne diese Einordnung. Das ist keine Frage der Interpretation. Das ist ein Selbstwiderspruch.
Was "Ahrtal" in der Studie tatsächlich bedeutet
Damit der Vorwurf nicht im Raum hängen bleibt, hier, was "Ahrtal" in der GERICS-Studie (City Series 04, Februar 2023, sowie die Folgepublikation City Series 07, Juli 2025) wirklich ist: ein Szenario-Name für einen Mengen-Parameter.
Die Modellierung rechnet mit dem Programm HEC-RAS (kostenlose Software des US Army Corps of Engineers) den oberflächlichen Wasserabfluss nach Starkregen für das zentrale Stadtgebiet durch. Szenario #1 nutzt ein real gemessenes Starkregenereignis (Station Boizenburg/Elbe, rund 92,5 mm Gesamtniederschlag, davon 51,6 mm in einer Stunde). Szenario #2, von GERICS selbst "Extremer Starkregen (Starkregen von Typ Ahrtal)" genannt, nimmt schlicht die Regenmenge des Ahrtal-Ereignisses (162 mm in wenigen Stunden) und legt sie auf das Geesthachter Geländemodell.
Das ist ein Mengen-Transfer, kein Ereignis-Transfer. Niemand hat simuliert, "was passiert, wenn das Ahrtal-Hochwasser nach Geesthacht kommt", sondern, "was passiert mit dem Oberflächenwasser in Geesthacht, wenn diese Regenmenge fällt". Die Lauenburgische Landeszeitung hat 2026 den internen Szenario-Namen der Forscher genommen und daraus eine Schlagzeile mit Toten-Zahl gebaut.
Was die Studie als Fazit zieht, auch fürs Extremszenario
Selbst unter der "Ahrtal-Regenmenge" bleibt das Ergebnis lokal begrenzt. Die Studie identifiziert acht Senken im Stadtgebiet, in denen sich Regenwasser sammelt, unter Extrembedingungen kommen vier weitere hinzu. Mehrere davon sind bewaldete Senken, die laut Studie "Vor-Ort als unproblematisch zu bewerten" sind, weil das Wasser dort schadlos versickert oder als Retentionsraum dienen könnte.
Die acht Hauptbereiche: Düneberger Straße/Neuer Krug, die bewaldete Senke nördlich der Grenzstraße, Geesthachter Straße/Querweg, Sandstraße/Schillerstraße, Berliner Straße/Hansastraße, die Holtersche Kiesgrube, der Bereich nördlich des Dialogwegs und die Ostlandsiedlung. Wassertiefen von bis zu zwei Metern, im Extremszenario stellenweise bis 2,7 Meter, aber an einzelnen, bekannten Stellen, nicht flächendeckend.
Das ausdrückliche Gesamtfazit der Studie: Für den größten Teil des modellierten Stadtgebiets besteht im aktuellen Zustand nur eine geringe Überflutungsgefahr nach Starkregenereignissen, und das gelte auch für extreme Starkregenereignisse. Das ist der Teil des GERICS-Projekts, aus dem der "Ahrtal"-Vergleich der Schlagzeile stammt. Sie sagt das Gegenteil von dem, was die Schlagzeile behauptet.
Ein Prototyp mit eingebauter Übertreibung
Die Studie selbst nennt sich an keiner Stelle ein behördliches Gutachten oder eine endgültige Gefahrenkarte. In den Metadaten und in der Einleitung steht es schwarz auf weiß: "prototypische Produktentwicklung", mit dem Ziel, kleineren Kommunen zu zeigen, dass auch vereinfachte digitale Modelle nützliche Planungswerkzeuge sein können. Das ist kein Versteckspiel, das steht offen im Bericht.
Und diese Vereinfachungen sind erheblich. Alle Gebäude in Geesthacht bekamen im Modell eine fiktive Standardhöhe von 3 Metern mit Flachdach, egal wie das Haus in Wirklichkeit aussieht. Die Kanalisation wurde komplett aus der Rechnung genommen, weil die Forscher annehmen, dass sie bei Starkregen ohnehin sofort überlastet ist. Auf Seite 29 geben sie zusätzlich offen zu, dass "der Regenrückhalt durch Dachflächen und Begrünung [...] nicht berücksichtigt" wurde. Und das digitale Geländemodell (DGM1) kennt nicht jeden Straßendurchlass, weshalb die Forscher mehrfach empfehlen, jeden der acht Hot-Spots vor Ort zu überprüfen.
Hier ist der Punkt, der bei der Lauenburgischen Landeszeitung komplett untergegangen ist: Jede einzelne dieser Vereinfachungen zeigt in dieselbe Richtung. Keine Kanalisation, kein Dachrückhalt, keine Begrünung, die Wasser zurückhält, dazu Häuser, die nur als simple 3-Meter-Klötze im Weg stehen: Das Modell hat eingebaute Tendenz, MEHR Oberflächenwasser zu zeigen, als in der Realität zu erwarten wäre, nicht weniger. Es ist, wenn überhaupt, in Richtung Worst-Case verzerrt.
Und selbst dieser nach oben verzerrte Prototyp kommt zum Ergebnis: "geringe Überflutungsgefahr" für den Großteil der Stadt, auch bei Ahrtal-Regenmengen. Das ist keine Studie, die das Risiko kleinrechnet, weil sie zu grob ist. Sie ist eher zu grob in die andere Richtung, und sagt trotzdem: alles im Wesentlichen unkritisch.
Noch ein Punkt: HEC-RAS ist eigentlich ein Modell zur Simulation von Flussgebieten. Stimmt, aber genutzt wurde es hier nicht, um die Elbe oder einen Fluss zu simulieren, sondern um Regenwasser auf Straßen und in Senken durchzurechnen. Das Werkzeug kann Flüsse, hier ging es um Pfützen, die größer werden, nicht um einen Strom, der über die Ufer tritt.
Bleibt die Frage nach den Hot-Spots selbst: Hier dreht sich die Vor-Ort-Begehungs-Empfehlung um. An den acht (bzw. zwölf) bekannten Problemstellen könnte das Modell tatsächlich daneben liegen, in beide Richtungen, weil dort eben Straßendurchlässe fehlen könnten, die in der Realität Wasser ableiten, oder weil reale Engstellen im Modell fehlen. Genau deshalb empfiehlt GERICS, jeden dieser Punkte einzeln zu prüfen, statt sich auf die Karte allein zu verlassen. Das ist ehrliche Wissenschaft. Für den Rest der Stadt, also den Teil, über den die Schlagzeile eigentlich spricht, ändert das nichts.
Warum der Vergleich physikalisch nicht funktioniert
Selbst wenn man die Studienlage ignoriert: Die Ahrtal-Katastrophe war ein Flusshochwasser. Die Ahr, ein kleiner Fluss in einem engen Kerbtal, stieg binnen Stunden um mehrere Meter und riss mit enormer Strömungsgeschwindigkeit Häuser mit sich. Genau diese Kombination, kleiner Wasserlauf, enges Tal, steiles Gefälle, keine Abflussreserven, machte die Wassermassen zur tödlichen Welle.
Die GERICS-Modellierung für Geesthacht beschreibt etwas anderes: Starkregen-Oberflächenabfluss. Regenwasser, das sich über mehrere Stunden in Senken sammelt, die "Abfluss-Phase" beginnt rund eine Stunde nach dem stärksten Regen, der gesamte Prozess bis zur Infiltration zieht sich über bis zu 14 Stunden. Die Elbe selbst wird im Modell sogar bewusst aus der Berechnung herausgenommen, weil sie das Wasser abtransportiert, statt es aufzustauen, das exakte Gegenteil der Ahr.
Aus zwei kleinen Flüssen mit völlig unterschiedlicher Topographie und Wasserführung ein vergleichbares Katastrophenrisiko zu konstruieren, ist hydrologisch nicht haltbar. Und der Zeitfaktor ist für die Frage "Lebensgefahr oder nicht" entscheidend: Eine Flutwelle, die in Minuten kommt, lässt keine Zeit zur Reaktion. Wasser, das sich über Stunden in einer bekannten Senke sammelt, schon.
Die eigentliche Gefahr laut GERICS: Hitze, nicht Flut
Wenn man schon mit Toten-Zahlen aus Klimaszenarien hantieren will, derselbe Forscher, derselbe Auftritt 2023, derselbe Artikel: "Die meisten Todesfälle gibt es durch Hitze." GERICS hat für Geesthacht parallel zur Starkregen-Studie auch eine Stadtklimamodellierung (PALM-4U) erstellt, die zeigt: Oberflächentemperaturen von bis zu 60 Grad auf versiegelten Flächen an Sommertagen, starker bis sehr starker Hitzestress (37 bis 39 Grad) in fast dem gesamten bebauten Stadtgebiet.
Mit anderen Worten: Wenn die Lauenburgische Landeszeitung eine Schlagzeile mit Todesopfern und Klimawandel-Bezug für Geesthacht schreiben wollte, die tatsächlich durch die GERICS-Forschung gedeckt ist, sie hätte über Hitze schreiben müssen, nicht über Flut. Die Toten-Zahl aus dem Ahrtal wurde dem falschen Risiko zugeordnet.
Was real ist: zwölf bekannte Problemstellen und ein Wartungsthema
Das alles heißt nicht, dass Starkregen in Geesthacht kein Thema ist. Am 7. August 2024 standen nach einem Unwetter Keller und Straßen unter Wasser, die Fährstraße war überflutet, Kanaldeckel liefen über.
Aber lest, worum es in dem Artikel tatsächlich geht: "Geesthachts Kanalsystem ist den Regenfluten eigentlich ziemlich gut gewachsen", das Problem sind verstopfte Sinkkästen an den Gullys. Die Lösung, über die der Bauausschuss diskutiert: ein neues Reinigungsfahrzeug für rund 300.000 Euro, mehr Personal für die Wartung der 26.000 Einlasspunkte im 90 Kilometer langen Regenwasserkanalnetz. Das ist Infrastrukturpflege, ein lösbares, budgetiertes Verwaltungsthema. Kein "könnte hier auch Menschen das Leben kosten wie im Ahrtal."
Die Stadt und GERICS haben dafür bereits seit Oktober 2024 einen gemeinsamen Flyer ("Starkregen und Sturzfluten, Gut vorbereitet, besser geschützt") mit konkreten Vorsorgetipps für Haushalte in den identifizierten Risikobereichen veröffentlicht: Rückstauklappen prüfen, wichtige Dokumente nicht im Keller lagern, Straßeneinläufe in der Nähe sauber halten. Sachlich, undramatisch, seit zwei Jahren öffentlich verfügbar.
Die ausgelassene Hälfte
Eine Schlagzeile, die die reale Situation in Geesthacht korrekt wiedergegeben hätte, wäre etwa gewesen: "Starkregen: Zwölf bekannte Problemstellen in Geesthacht, Hitze bleibt das größere Risiko." Nicht so knackig wie "135 Tote", aber durch die zugrunde liegende Forschung gedeckt, und durch die eigene Berichterstattung von 2023.
Stattdessen hat die Lauenburgische Landeszeitung 2026 den internen Szenario-Namen einer Studie genommen, ihn mit der Opferzahl einer echten Katastrophe verknüpft und damit genau die Einordnung weggelassen, die ihr eigener Reporter drei Jahre zuvor von demselben Wissenschaftler bekommen hatte:
"Nicht zu erwarten."
Wer Angst verkaufen will, braucht offenbar kein neues Material. Das alte tut es auch, man muss nur die Hälfte davon weglassen.