Stadtmarketing & Analyse

Eisberge Geesthacht: Wie das Rathaus am Wehr kapituliert

Ein Standpunkt von Erdal Torun darüber, wie die Stadtverwaltung eine weltweite Medienpräsenz verschlafen hat und Besucher wie Eindringlinge behandelte.

Von Erdal Torun 5 Min. Lesezeit
Eisberge am Geesthachter Wehr

Es gibt Momente im Leben einer Stadt, die man nicht planen kann. Sie stehen in keinem Haushaltsplan, in keiner langfristigen Strategieentwicklung und in keinem Wahlprogramm. Es sind Geschenke der Natur. In den letzten zwei Wochen hat Geesthacht genau ein solches Geschenk erhalten.

Die massiven Eisverschiebungen an unserem Wehr, diese bizarren, meterhohen Eisformationen, die sich wie eine arktische Landschaft in die Elbe schoben, waren mehr als nur gefrorenes Wasser. Sie waren ein globales Medienereignis.

Wir müssen uns die Dimension vor Augen führen, um das Ausmaß des darauf folgenden Versagens zu begreifen. Dies war kein lokales Phänomen für das Geesthachter Wochenblatt. Die Associated Press (AP), eine der größten Nachrichtenagenturen der Welt, hat Bilder von unserem Wehr um den Globus geschickt. Von Nachrichtensendern in den USA über Berichte im Schweizer Fernsehen bis hin zu europaweiten News Outlets wie Euronews blickte die Welt auf Geesthacht.

In einer Zeit, in der Städte Millionenbeträge für Standortmarketing, Imagekampagnen und Touristenwerbung ausgeben, bekamen wir die wertvollste Währung unserer Zeit geschenkt: Aufmerksamkeit. Positive, staunende, faszinierte Aufmerksamkeit.

Doch was macht eine Verwaltung, die nicht auf "Gestalten", sondern auf "Abarbeiten" programmiert ist, mit einem solchen Geschenk? Sie reagiert nicht mit Stolz oder Gastfreundschaft. Sie reagiert mit Panik. Sie sieht keine Chance, sondern eine Störung im Betriebsablauf. Das Ergebnis haben wir in den letzten Tagen erlebt: Straßensperren, Absperrbänder, Polizeipräsenz gegen Bürger und eine Kommunikation, die im Kern sagt: "Gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen." Während die Welt auf Geesthacht schaut, zieht Geesthacht die Vorhänge zu.

1. Die Anatomie der Abwehrhaltung

Wenn Zehntausende Menschen und die Kennzeichen in der Stadt beweisen, dass die Besucher aus dem gesamten Bundesgebiet und dem benachbarten Ausland kamen in unsere Stadt strömen, dann ist das per Definition ein Erfolg für den Standort. Es ist der Beweis, dass wir etwas zu bieten haben, das Menschen anzieht. Ein Unternehmer würde in dieser Situation sofort skalieren: Personal aufstocken, Angebot erweitern, den Kundenstrom lenken und monetarisieren.

Die Stadtverwaltung Geesthacht hingegen verfiel in eine starre Abwehrhaltung. Die offizielle Lesart war schnell gefunden: Der Verkehr ist zu viel, die Rettungswege sind bedroht, die Situation ist unübersichtlich. Also wurde die einfachste, unkreativste und bürokratischste aller Lösungen gewählt: Das Verbot. Die Zufahrtswege zur Elbhalbinsel und zum Wehr wurden dichtgemacht. Man zog sich auf die Position zurück, dass man für Sicherheit sorgen müsse.

"Wasser sucht sich immer seinen Weg – Verkehrsströme tun das auch. Wenn man den Druck an einer Stelle blockiert, ohne ihn zu kanalisieren, bricht er sich an einer anderen Stelle Bahn."

Doch genau hier beginnt die Heuchelei. Sicherheit durch Sperrung ist eine Illusion, wenn man die Dynamik von Menschenmassen nicht versteht. Menschen, die Hunderte Kilometer gefahren sind, um ein Naturwunder zu sehen, drehen nicht um, nur weil ein Schild dort steht. Sie suchen sich einen Weg. Und genau das ist passiert. Die Verwaltung hat das Problem nicht gelöst, sie hat es lediglich von ihrem Schreibtisch geschoben – hinein in einen Bereich, der dafür noch weniger geeignet ist.

Natürlich waren die Menschen, die die B404 befahren mussten, zu Recht genervt, wenn sie für die Überfahrt aufgrund des Staus plötzlich 20 Minuten benötigten. Aber genau hier stellt sich die Frage: Warum wirkt man dem nicht so entgegen, dass anständige Lösungen gefunden werden? Es fühlt sich in Geesthacht manchmal so an, als ließe man Situationen bewusst eskalieren, um eine Begründung dafür zu haben, warum man radikal einschreiten muss, anstatt kluge Lösungen zu finden. Vielleicht will man in den Führungsspitzen gar keine Lösungen mehr.

2. Die gefährliche Verlagerung: Das Chaos am Famila und Expert Parkplatz

Wer die Sperrung des Wehrs als "Sicherheitsmaßnahme" verkauft, muss sich fragen lassen, warum er sehenden Auges eine viel größere Gefahrenquelle in Kauf nimmt. Durch die Abriegelung der direkten Zufahrten verlagerten sich Tausende von Fahrzeugen und Fußgängern auf die nächstgelegene Fläche: Die Parkplätze von Famila und Expert.

Was auf dem Papier vielleicht wie eine pragmatische Ausweichlösung aussieht, ist in der Realität eine Gefährdung. Wir müssen uns die Infrastruktur dort genau ansehen, um die Brisanz zu verstehen. Ein Supermarkt-Parkplatz ist verkehrstechnisch für eine klare Nutzung konzipiert: Langsamer Suchverkehr, parken, einkaufen, wegfahren. Er ist nicht konzipiert als Transit-Hub für Massentourismus. Er ist nicht ausgelegt für Ströme von Fußgängern, die quer über die Fahrbahnen zu einem touristischen Ziel drängen.

Die Situation, die sich dort in den letzten Tagen abspielte, spottet jeder Beschreibung von "Verkehrssicherheit". Wir haben dort keine Zebrastreifen. Wir haben dort keine Ampelanlagen, die Fußgängerphasen regeln. Wir haben dort keine Bürgersteige, die für diese Massen ausgelegt sind. Stattdessen sahen wir Familien mit kleinen Kindern, die sich im Slalom zwischen genervten Autofahrern, rückwärts ausparkenden Fahrzeugen und dem regulären Einkaufsverkehr hindurchschlängelten.

Sicherheitspolitik?

Das ist das Prinzip "Aus den Augen, aus dem Sinn". Die Stadt hat die Verantwortung für die Sicherheit der Besucher und der eigenen Bürger an der Grundstücksgrenze des Wehrs abgegeben. Dass sich das Risiko nun auf einem Privatgelände und den ungesicherten Zubringerstraßen potenziert, wird ignoriert. Wer A sagt (Sperrung), muss auch B sagen (Umleitungskonzept). Wer den Verkehr vom Wehr vertreibt, muss wissen, wo er hingeht. Ihn einfach in ein Wohn- und Gewerbegebiet "ausbluten" zu lassen, ist Führungsschwäche.

3. Der wirtschaftliche Schaden: Verbranntes Kapital

Lasst uns kurz über Geld sprechen. Stadtmarketing ist teuer. Agenturen berechnen hohe fünfstellige Summen für Konzepte, die oft kaum jemand wahrnimmt. Hier hatten wir ein „Event“, das uns keinen Cent gekostet hat. Die Wertschöpfung, die in den letzten 10 Tagen möglich gewesen wäre, ist immens. Zehntausende Besucher bedeuten Hunger, Durst und Kaufkraft. Wahrscheinlich hätten wir für eine solche weltweite Werbung zehntausende bis hunderttausende Euro zahlen müssen. Wir haben sie umsonst bekommen und keinen Cent verdient.

Die Marketing-Bilanz ist verheerend:

Machen wir die Rechnung exakt auf. Ein solches Ereignis zieht über 10 Tage realistisch 35.000 Besucher an. Bei einem konservativen Konsum von nur 10 Euro pro Kopf für Gastronomie, Einzelhandel und Parken haben wir der lokalen Wirtschaft 350.000 Euro Umsatz verweigert. Dazu kommt der sogenannte Media Value: Um die weltweite Reichweite von AP bis Euronews als Werbekampagne einzukaufen, hätten wir nach gängigen Marktpreisen mindestens 250.000 Euro investieren müssen. Wir haben also einen wirtschaftlichen Gesamtwert von 600.000 Euro nicht nur ignoriert, sondern aktiv ausgesperrt.

In einer Stadt, die unternehmerisch denkt, hätten wir am selben Tag, an dem die ersten Bilder viral gingen, keinen Krisenstab der Verhinderer, sondern einen strategischen Chancen-Stab einberufen. Die Agenda hätte sich nicht an der Frage „Wie sperren wir ab?“ orientiert, sondern an vier logischen Säulen:

  • Logistik & Sicherheit: Wie lenken wir die Ströme? Statt Wohngebiete verstopfen zu lassen, hätten Shuttle-Busse vom ZOB oder Großparkplätzen die Besucher geordnet zum Wehr gebracht. Das hätte den Druck aus den Anwohnerstraßen genommen und die Sicherheit massiv erhöht.
  • Lokale Wertschöpfung: Wie profitiert unsere Wirtschaft? Zehntausende Menschen bringen Kaufkraft mit. Und bevor das Argument kommt, es habe keine Anträge gegeben: Krisenmanagement bedeutet, nicht auf Post zu warten, sondern zum Hörer zu greifen. Durch eine aktive Platzierung von mobiler Gastronomie hätten wir dafür gesorgt, dass das Geld in Geesthacht bleibt, statt im Stau zu verpuffen.
  • Standort-Kompetenz (Hereon): Warum nutzen wir unsere Alleinstellungsmerkmale nicht? Mit dem Helmholtz-Zentrum Hereon haben wir Weltklasse-Forschung direkt vor der Haustür. Eine Kooperation hätte das Ereignis wissenschaftlich aufwerten können – mit Drohnenbildern, Experten-Erklärungen vor Ort und „Forschung zum Anfassen“. Wir hätten der Weltpresse Inhalt geboten, nicht nur Eis.
  • Stadtmarketing: Wie nutzen wir die Reichweite dauerhaft? Ein einfacher Fotopoint mit Geesthacht-Logo und freundliche „City Guides“ hätten aus jedem Instagram-Post kostenlose Werbung für unsere Stadt gemacht.

Stattdessen: Nichts. Die lokale Gastronomie guckt in die Röhre, weil die Besucher im Stau stehen oder frustriert sind. Kein einziger Euro wurde strategisch abgeschöpft, um ihn in die Stadtkasse oder die Taschen lokaler Unternehmer zu leiten. Wir haben den Touristen gezeigt: "Ihr stört." Das ist die Botschaft, die hängen bleibt. Wenn diese Menschen das nächste Mal den Namen "Geesthacht" hören, denken sie nicht an eine dynamische Stadt an der Elbe, sondern an Absperrbaken und Politessen. Das ist eine Vernichtung von Markenkapital, für die in der freien Wirtschaft Manager entlassen würden.

4. Gestalten statt Verwalten: Ein Plädoyer für Agilität

Das Grundproblem, das dieses Eis-Wochenende offenbart hat, liegt tiefer als Schnee und Eis. Es ist ein symptomatisches Problem unserer Verwaltungskultur. Und ganz wichtig: Wenn ich Verwaltung sage, meine ich nicht alle Mitarbeiter, sondern die Schlüsselfiguren, die genau das hätten anleiten und orchestrieren müssen. Wir erleben eine Führung, die hervorragend darin ist, Vorschriften anzuwenden, aber unfähig scheint, Situationen zu managen.

Der entscheidende Unterschied:

Verwalten bedeutet: Den bestehenden Zustand ordnen.
Gestalten bedeutet: Auf Veränderungen reagieren und Neues formen.

Wenn eine außergewöhnliche Situation eintritt, greift unsere Stadtführung reflexartig zum Regelbuch. "Dafür haben wir kein Formular." "Das ist nicht vorgesehen." "Da machen wir lieber zu." Diese Risikoaversion lähmt uns. Natürlich ist es Arbeit, kurzfristig einen Shuttle-Service zu organisieren. Natürlich ist es Aufwand, eine temporäre Verkehrsführung mit Schildern und Ordnern am Famila-Parkplatz einzurichten, um die Kinder zu schützen. Natürlich kostet es Mut, zu sagen: "Wir lassen die Leute rein, aber wir kontrollieren wie."

Aber genau dafür bezahlen wir Politik und Verwaltung. Wir bezahlen sie nicht dafür, dass sie uns erklären, warum etwas nicht geht. Wir bezahlen sie dafür, dass sie Lösungen finden, damit es geht. Andere Gemeinden an der Küste oder in Tourismusregionen leben davon, dass sie solche Anstürme managen. Dort werden bei Events Wiesen zu Parkplätzen, dort leitet die Feuerwehr den Verkehr, dort freut man sich über jeden Gast.

Besucher werden in Geesthacht nicht als Chance, sondern als Eindringlinge in eine Komfortzone wahrgenommen, die aus Angst und Unwillen lieber Mauern hochzieht, als Mut zu beweisen. Das Verstecken hinter Paragraphen ist zur Überlebensstrategie einer Führung geworden, die vor der eigenen Verantwortung kapituliert. Das Ergebnis ist Stillstand. Wenn Menschen an den falschen Positionen sitzen, die nur verwalten, um bloß nichts falsch zu machen, machen sie für die Attraktivität unserer Stadt bereits alles falsch.

5. Warum ich nicht zum Hörer gegriffen habe

Vielleicht fragst du dich beim Lesen dieser Zeilen: „Warum hat Erdal Torun diese Ideen nicht einfach selbst ins Rathaus getragen, als die ersten Eisberge auftauchten?“ Die Antwort ist so simpel wie frustrierend: Weil ich aus jahrelanger Erfahrung weiß, dass Antworten von der Führungsebene im Geesthachter Rathaus eher Wochen als Tage brauchen. Hier ist auf dem „kurzen Dienstweg“ nichts zu holen, schon gar nicht am Wochenende.

In unserem Rathaus schlägt die Bedenkenträger-Mentalität jede Form von Agilität. Dabei war die Steilvorlage längst da: Es war unser Geesthachter Journalist Timo Jann, der mit seinen spektakulären Bildern das Thema überhaupt erst in die Weltpresse gebracht hat. Er hat geliefert, die Welt hat geschaut – und andere haben die Rollläden runtergelassen und sich über Menschen beschwert. Was ein Irrsinn!

Die Forderung: Verantwortung übernehmen

Wir können die Eisberge nicht zurückholen, wenn sie geschmolzen sind. Aber wir können und müssen aus diesem Debakel für die Zukunft lernen. Wir müssen eine klare Erwartungshaltung an das Rathaus formulieren. Es reicht nicht, sich hinter der Straßenverkehrsordnung zu verstecken.

Wir brauchen in Geesthacht einen Paradigmenwechsel. Weg von der "Bauzaun-Politik", hin zu einer "Willkommens-Kultur". Wir brauchen Macher, die bei Problemen nicht den Kopf in den Sand stecken oder Schilder aufstellen, sondern die Ärmel hochkrempeln.

Dieses Wochenende war ein Testlauf für die Belastbarkeit unserer Infrastruktur und die Flexibilität unserer Führung. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die Infrastruktur hätte es hergegeben, wenn man sie klug genutzt hätte. Die Führung hingegen hat versagt.

Geesthacht hat mehr verdient als Verwaltung nach Vorschrift. Wir haben das Potenzial, ein Magnet in der Metropolregion zu sein. Die Natur hat uns die Vorlage geliefert. Verwandelt haben wir sie nicht. Sorgen wir dafür, dass wir beim nächsten Mal bereit sind – mit offenen Armen, intelligenten Konzepten und vor allem: mit Sicherheit für alle, nicht nur für die, die hinter den Absperrungen sitzen.

Es ist Zeit, dass wir anfangen, unsere Stadt so zu behandeln, wie sie es verdient: Als einen Ort mit Potenzial, nicht als ein Problem, das man absperren muss.