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Lokalpolitik

Geesthacht: Der Bürgermeister, der Einzelgespräche nur zu dritt führt

Nicht zu fünft beim Runden Tisch, nicht zu viert mit den Fraktionen. Einzelgespräch sollte es sein, aber dann bitte zu dritt. Sechs Monate Wartezeit, hundert E-Mails hin und her, und am Ende sitzt ein unangekündigter Zeuge mit im Raum. Willkommen in Geesthacht, wo Dialogbereitschaft eine eigene Definition hat.

5 Min. Lesezeit
Bürgermeister Olaf Schulze bei der Demo zum Erhalt des Krankenhauses Geesthacht
Bürgermeister Olaf Schulze bei der Demo zum Erhalt des Krankenhauses Geesthacht

Der Bürgermeister wollte kein offenes Gespräch. Dann wollte er kein Gespräch unter vier Augen. Was er wollte, war Kontrolle. Um diese Kontrolle zu wahren, platziert er unangekündigt sein eigenes Verwaltungspersonal als stillen Beobachter am Tisch.

Vorbemerkung

Ich sage es ehrlich: Es gibt Momente, da fällt es mir schwer, das hier alles noch ernst zu nehmen. Nicht weil das Thema es nicht verdient, sondern weil die Realität inzwischen so absurde Züge angenommen hat, dass man sie kaum glaubwürdig aufschreiben kann. Wer das nicht selbst erlebt hat, wird beim Lesen denken: Das ist übertrieben. Ist es nicht. Ich war dabei.

Rückblick: Die Architektur der Verweigerung

Im Januar bot ich Bürgermeister Olaf Schulze und den Fraktionsspitzen von SPD, CDU und Grünen einen Runden Tisch an. Fünf Personen, eine Stunde, ein Raum. Keine Öffentlichkeit, keine Kameras, keine Protokollpflicht. Das Ziel: die toxische politische Atmosphäre in Geesthacht durch ein offenes Gespräch zu beenden.

Das Ergebnis war eine koordinierte Absage. Schulze begründete sie mit einer fehlenden Mehrheit, einer Mehrheit, die er selbst wegdefiniert hatte. Als Alternative offerierte er das Einzelgespräch. Sein Vorzimmer stehe offen. Man wolle reden. Man sei gesprächsbereit. Man sei ja schließlich Demokraten.

Ich habe das Angebot trotz aller Vorbehalte angenommen. Wer Dialog fordert, muss ihn auch dort versuchen, wo die Bedingungen schlechter sind. Am 13. Mai 2026 um 11:30 Uhr habe ich das Büro des Bürgermeisters betreten. Was mich dort erwartete, war lehrreich. Nicht im Sinne eines Gesprächs. Sondern im Sinne einer Diagnose.

Torben H.: Ein Mann am falschen Tisch

Stell dir vor, du bittest deinen Arzt um ein vertrauliches Gespräch über einen Befund. Du betrittst die Praxis, und dort sitzt der Hausmeister des Gebäudes. Unangekündigt. Schweigend. Der Arzt lächelt dich an, als wäre das die normalste Sache der Welt.

Ungefähr so präsentierte sich der Termin beim Bürgermeister der Stadt Geesthacht.

Am Tisch saß Torben H., Fachbereichsleiter für Inneres und Personal der Stadtverwaltung. Sein Aufgabenbereich umfasst Personalangelegenheiten, interne IT-Koordination und Post, kurz: ein Verwaltungsmanager für interne Betriebsabläufe. Ein Mann, dessen berufliche Existenz darin besteht, dass die Gehälter pünktlich überwiesen werden und die Drucker funktionieren. Man fragt sich unwillkürlich, ob im Rathaus der Kopierer klemmt und H. eigentlich gar nicht für mich eingeplant war.

Was hat dieser Mann bei einem politischen Gespräch zwischen einem Bürgermeister und einem Bürger zu suchen, der öffentlich und dokumentiert Kritik an der Stadtführung übt? Die sachliche Antwort: nichts. Keine Zuständigkeit, keine Expertise, keinen institutionellen Auftrag. Kein Tagesordnungspunkt fiel auch nur entfernt in seinen Kompetenzbereich. Es sei denn, der Bürgermeister plant, meine Gehaltsabrechnung neu zu strukturieren, was mir bis dato niemand mitgeteilt hat.

Die politische Antwort: Er war nicht dort, weil er etwas wusste. Er war dort, weil er anwesend sein sollte.

Der Mindeststandard, den man erwarten darf

Bevor ich auf den Mindeststandard eingehe, sei eines festgehalten, weil es den Charakter dieses Gesprächs definiert.

Ich habe von diesem Termin im Vorfeld nichts an die Öffentlichkeit gelangen lassen. Nichts. Kein Post, kein Hinweis, keine Andeutung. Und wäre das Gespräch zustande gekommen, hätte ich auch danach nichts darüber gesagt. Ein Gespräch unter vier Augen ist ein Gespräch unter vier Augen, das geht niemanden etwas an. So denke ich. So verstehe ich den Begriff Vertraulichkeit. Andere in diesem Rathaus offenbar nicht.

Ich schreibe heute darüber, weil das Gespräch nicht zustande gekommen ist. Weil die Rahmenbedingungen bereits beim Betreten des Raumes gebrochen waren. Wer glaubt, ich hätte diesen Termin als Bühne geplant, irrt. Die Bühne wurde nicht von mir gebaut.

Betrachten wir das rein menschlich, als schlichten Vorgang zwischen Erwachsenen.

Wenn zwei Parteien ein Gespräch vereinbaren und eine Seite eine dritte Person mitbringt, gibt es eine Grunderwartung: Man sagt es vorher. Nicht als Formalität, sondern weil die andere Seite dann entscheiden kann, ob sie unter diesen Bedingungen erscheinen möchte, und mit wem.

Ich hätte meinen Anwalt mitgenommen. Nicht als Eskalation, nicht als Provokation, sondern als Ausgleich. Als Herstellung von Augenhöhe. Aber vermutlich wäre dann auch beim Bürgermeister plötzlich ein zweiter Fachbereichsleiter aufgetaucht, zuständig für Straßenbeleuchtung, nur zur Sicherheit.

Das wäre angesichts der Vorgeschichte das Mindeste gewesen. Denn der Bürgermeister ist derselbe Mann, der im Januar schriftlich behauptete, mir im Jahr 2024 Gesprächsangebote gemacht zu haben, die ich angeblich ignoriert hätte. Eine Behauptung, die ich für unwahr halte und mit meinen Unterlagen widerlegen kann. Es ist eine bemerkenswerte Eigenschaft der Geesthachter Verwaltungsspitze, dass sie Einladungen verschickt, die beim Empfänger nie ankommen, und diesen Umstand dann als Beleg für seine Gesprächsunwilligkeit wertet. Die Post in Geesthacht arbeitet offenbar selektiv.

Und dennoch: Ich bin erschienen. Ohne Anwalt. Ohne Zeugen. Mit dem aufrichtigen Versuch, das Gespräch zu führen, das versprochen wurde. Was ich vorgefunden habe, war dasselbe, was ich in den Monaten davor bereits mehrfach erlebt hatte: denselben Ablauf, dieselbe Methode, dieselbe Botschaft. Der Rahmen wird gesetzt, die Regeln gelten nur für eine Seite, und wer nachfragt, bekommt keinen Satz Erklärung.

Man kann einem Menschen Naivität vorwerfen, der trotz allem immer wieder auf Kommunikation setzt. Aber die Wiederholung des gleichen Musters ist kein Versagen des Bürgers. Sie ist ein Zeugnis über den, der dieses Muster produziert.

Die Funktion des Zeugen

Ein unangekündigter Zeuge in einem bilateral vereinbarten Gespräch erfüllt mehrere Funktionen gleichzeitig. Er dokumentiert. Er diszipliniert. Er sendet ein Signal.

Die Dokumentationsfunktion ist offensichtlich: Was immer gesagt wird, ist nicht mehr vertraulich. Jedes Wort des Bürgers wird zum potenziell verwendbaren Datenpunkt. Man könnte fast meinen, das sei der eigentliche Zweck des Termins gewesen, nicht das Gespräch, sondern seine Protokollierung.

Die Disziplinierungsfunktion ist subtiler: Der Bürger soll spüren, dass er nicht unter Gleichen spricht. Auf einer Seite des Tisches sitzt der Bürger. Auf der anderen sitzt die Verwaltung in Mehrzahl, vollständig bewaffnet mit Zuständigkeit für die Gehaltsabrechnung.

Das Signal lautet: Dieser Bürger erfordert besondere Vorkehrungen. Er ist ein Risiko, das gemanagt werden muss. Mit den Mitteln, die einem Bürgermeister zur Verfügung stehen: einem Mann, der die Drucker betreut.

Und hier sei eines klargestellt, weil es den Kern der Sache trifft: Ich bin der Letzte, der ein Problem damit hätte, eine inhaltliche Diskussion vor tausend Menschen zu führen. Wer mich kennt, weiß das. Der Unterschied ist: Wenn tausend Menschen zuhören, hören tausend Menschen zu. Sie bilden sich eine Meinung. Der Austausch findet im Licht statt, für alle sichtbar, für alle bewertbar. Das ist Öffentlichkeit, und ich begrüße sie.

Was gestern im Büro des Bürgermeisters stattfand, war das Gegenteil. Kein öffentlicher Rahmen, in dem Argumente zählen. Sondern ein stiller Zeuge hinter verschlossener Tür, dessen Anwesenheit weder angekündigt noch begründet wurde. Nicht Transparenz, sondern ihre Simulation. Nicht Dialog, sondern seine Kontrolle. Wer Öffentlichkeit scheut, aber trotzdem Zeugen mitbringt, will weder das eine noch das andere. Er will nur die Oberhand.

Tone Policing: Die letzte Verteidigungslinie

Als ich die Anwesenheit H.s hinterfragte, wechselte der Bürgermeister das Terrain.

Er erklärte mir nicht, warum H. dort saß. Er kommentierte nicht den Bruch der vereinbarten Rahmenbedingungen. Er sagte: "Bleiben Sie doch mal ruhig."

Man muss die Eleganz dieses Manövers würdigen. Der Bürger betritt ein als Einzelgespräch vereinbartes Treffen, findet einen unangekündigten Zeugen vor, fragt nach der Begründung, und die Antwort lautet nicht "Ich erkläre es Ihnen", sondern "Beruhigen Sie sich." Als hätte er nach dem Weg zum Bahnhof gefragt und eine Einschätzung seines emotionalen Zustandes erhalten.

Tone Policing delegitimiert ein Sachargument durch den Verweis auf den Ton seines Vortrags. Plötzlich ist nicht mehr die Frage, warum ein unangekündigter Dritter im Raum sitzt. Plötzlich ist die Frage, ob der Bürger sein Problem korrekt temperiert vorträgt. Die korrekte Körperhaltung in Geesthacht wäre offenbar: Augen geradeaus, Fragen unterlassen, Aufpasser akzeptieren, Dankbarkeit zeigen, dass man überhaupt eingelassen wurde.

Ich habe das Gespräch abgebrochen und den Raum verlassen. Nicht aus Wut, sondern als Konsequenz. Ein Gespräch, das unter Bruch seiner eigenen Vereinbarungen beginnt und auf Nachfrage mit Tone Policing antwortet, ist kein Gespräch. Es ist ein Ritual der Unterwerfung.

Was ich als Zweckentfremdung werte

Torben H. ist ein Verwaltungsangestellter mit Aufgabenbereich, Stellenbeschreibung und einer Verantwortung gegenüber der Stadtgesellschaft, die ihn mittelbar finanziert. Gestern Vormittag hat er keines dieser Dinge erfüllt.

Als er in einem Büro saß und nach meiner Einschätzung als Puffer zwischen dem Bürgermeister und einem unbequemen Bürger fungierte, hat er in diesem Moment nicht seine Arbeit getan. Er hat eine politische Schutzfunktion übernommen, für die er weder beauftragt noch geeignet war. Was ich dabei als Zweckentfremdung von Verwaltungspersonal für Zwecke der politischen Machtabsicherung werte, lässt sich einfach beschreiben: Die Bürger Geesthachts finanzieren über ihre Steuern die Anwesenheit eines Fachbereichsleiters in Gesprächen, in denen es um nichts geht, das ihn etwas angeht. Man bekommt für sein Geld wirklich alles.

Eine Stadtverwaltung ist kein Privatunternehmen, das seinem Chef loyale Mitarbeiter als Besprechungsbegleitung zur Verfügung stellt. Sie ist ein Apparat im Auftrag der Allgemeinheit. Wenn Mitarbeiter dieses Apparates nach meiner Wahrnehmung dazu eingesetzt werden, politisch unbequeme Bürger zu verunsichern oder unter Beobachtung zu stellen, ist eine Grenze überschritten, die jenseits des Persönlichen liegt.

Der Fisch und sein Kopf

Weil ich an dieser Stelle nicht missverstanden werden möchte, sage ich es ausdrücklich.

Ich kenne nach Jahren des Hinschauens unzählige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieser Verwaltung, die ihren Job wirklich gut machen. Menschen, die sich bemühen, die anpacken, die besser werden wollen, und die von Strukturen erschlagen werden, von denen sie selbst sagen, dass Kontrolle und Flaschenhalsverhalten das eigentliche Problem sind. Das höre ich nicht einmal, nicht zweimal. Ich höre es immer wieder, von verschiedenen Menschen, in verschiedenen Positionen. Es ist kein Gerücht. Es ist ein Befund.

Diese Menschen verdienen keine pauschale Kritik. Sie verdienen Anerkennung für das, was sie trotz allem leisten.

Aber umso mehr ich sehe, umso klarer wird mir: Der Fisch fängt vom Kopf an zu stinken. Nicht in der Breite dieser Verwaltung, sondern an einer sehr kleinen, sehr spezifischen Stelle ganz oben. Wenige, aber wenige an der falschen Stelle reichen aus, um den Betrieb für alle anderen zur täglichen Zumutung zu machen.

Was gestern in diesem Büro stattfand, war kein Fehler eines überforderten Apparates. Es war eine Entscheidung. Und Entscheidungen haben Absender.

Das Fazit: Eine Führungsspitze, die kein offenes Gespräch führen kann

Halten wir fest, was die vergangenen vier Monate dokumentiert haben.

Die Führungsspitze dieser Stadt ist außerstande, ein offenes Gespräch mit einem Bürger zu führen. Nicht in der Gruppe, der Runde Tisch wurde im Januar blockiert. Nicht unter vier Augen, das Einzelgespräch wurde mit einem unangekündigten Zeugen besetzt, ohne Vorwarnung, ohne Erklärung, ohne Bereitschaft zur Begründung. Das nennt man in Geesthacht: Dialogbereitschaft.

Es ist der Bürgermeister einer mittelgroßen deutschen Stadt, der sich außerstande sieht, einem einzelnen Bürger ohne Sicherheitsnetz gegenüberzusitzen. Der einen Fachbereichsleiter für Drucker und Gehaltslisten als Besprechungsbegleitung mitbringt. Der auf die Frage nach dem Warum mit "Bleiben Sie doch mal ruhig" antwortet. Wenn das der Maßstab für Führungsstärke in Geesthacht ist, dann erklärt das einiges.

Man könnte über diese Szene lachen, wenn sie nicht so viel verraten würde. Sie verrät, dass das Vertrauen in die eigene Position so brüchig ist, dass selbst ein Gespräch zu riskant erscheint. Sie verrät, dass Verwaltungsmitarbeiter nach meiner Wahrnehmung als Instrumente politischer Selbstabsicherung eingesetzt werden. Und sie verrät, dass der Begriff Dialog, der in jedem Wahlprogramm dieser Stadt steht, genau das ist, was er immer war: eine Floskel für die Broschüre.

Wer nicht unter vier Augen sprechen kann, hat etwas zu verbergen. Was genau, das ist eine Frage, die sich Geesthacht stellen sollte.

FAQ

War das Gespräch als Einzelgespräch vereinbart?

Ja. Der Bürgermeister selbst hatte es als Alternative zum abgelehnten Runden Tisch angeboten. Er meinte es offenbar anders als gedacht.

Warum wird jetzt darüber berichtet?

Weil das Gespräch nicht zustande kam. Wäre es unter den vereinbarten Bedingungen geführt worden, hätte es diese Zeilen nicht gegeben.

Was ist die Zuständigkeit von Torben H.?

Personal, IT und Post der Stadtverwaltung. Kein Bezug zu politischen Bürgergesprächen, es sei denn, das Gespräch sollte per Hauspost versendet werden.

Hätte Erdal Torun auch jemanden mitbringen dürfen?

Selbstverständlich, wäre er vorab informiert worden. Genau das ist der Punkt.

Warum wurde das Gespräch abgebrochen?

Weil die vereinbarten Rahmenbedingungen ohne Ankündigung und ohne Erklärung gebrochen wurden.

Ist das ein Einzelfall?

Nein. Es ist die konsequente Fortsetzung eines Musters, das im Januar 2026 begann. Die Geesthachter Verwaltungsspitze ist in dieser Hinsicht bemerkenswert zuverlässig.

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