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Meinung

Die leere Tribüne

Dreißig Seiten Bericht der Schulsozialarbeit, die ich nicht weglegen konnte. Hinter jedem Fachbegriff steht ein Kind. Ich kenne seine Schule. Ich kenne seinen Sportplatz. Ich kenne das Gesicht, das nicht kommt. Dieser Text ist keine Zusammenfassung. Er ist die Sprachlosigkeit eines Vaters, der aufgehört hat zu schweigen.

6 Min. Lesezeit
Erdal Torun aus Geesthacht über die Elternarbeit der Stadt

Ich habe dreißig Seiten gelesen. Dreißig Seiten, die jemand geschrieben hat, der täglich in diesem System steht. Sachlich. Professionell. Nüchtern. Der Jahresbericht der Schulsozialarbeit Geesthacht 2025 ist kein Pamphlet. Er ist eine Dokumentation. Und wer ihn liest und sich nicht angeklagt fühlt, hat ihn nicht verstanden.

Hinter "selbstverletzendem Verhalten" steht ein Kind, das keinen anderen Ausweg mehr sieht. Hinter "emotionaler Vernachlässigung" steht ein Kind, dem zuhause niemand zuhört. Hinter "Cybergrooming als wiederkehrendem Thema" stehen Mädchen und Jungen, die im Netz auf Erwachsene treffen, die ihnen Aufmerksamkeit geben, weil sie sie nirgendwo sonst bekommen. Hinter "Schulunlust und Vermeidungsverhalten" stehen Grundschulkinder, die morgens nicht mehr aufstehen wollen. Nicht aus Faulheit. Aus Erschöpfung. An jeder Schule dieser Stadt. Flächendeckend. Dokumentiert.

Ich kenne 70 Prozent der Eltern nicht. Ich habe sie nie gesehen.

Ich sage das nicht als abstrakte Kritik. Ich sage es aus eigener Beobachtung. Mein Sohn spielt in einem Sportverein. 70 Prozent der Eltern kenne ich nicht. Ich habe sie nie gesehen. Nicht einmal. Kein Gesicht. Kein Name. Kein Jubel auf der Tribüne. Ihre Kinder stehen auf dem Platz. Schauen sich um. Suchen ein Gesicht in der Menge. Und da ist niemand.

Ihr fehlt. Nicht ab und zu. Immer. Grundsätzlich. Systematisch. Und eure Kinder lernen daraus eine Lektion, die kein Sozialarbeiter der Welt wieder ungeschehen machen kann: Ich bin es nicht wert, dass jemand kommt.

Das ist das Fundament, auf dem alles aufbaut, was in diesem Bericht steht. Die Selbstverletzung. Die Einsamkeit. Die Wut. Die Gewalt. Das Gefühl, keine Zukunft zu haben. Es beginnt nicht in der Schule. Es beginnt auf der leeren Tribüne. Bei dir. Bei euch. Eltern, die ihren Kindern eine Verantwortung übertragen, die dort nichts zu suchen hat. Die Kita, die Schule, den Sportverein, die Sozialarbeit, alle sollen es richten. Alle sollen auffangen, begleiten, fördern, stabilisieren. Und ihr? Ihr bucht die nächste Aktivität, überweist den Mitgliedsbeitrag, und nennt das Fürsorge. Es ist keine. Fürsorge ist dein Gesicht auf der Tribüne. Deine Stimme, wenn das System versagt. Deine Weigerung, das alles einfach laufen zu lassen. Wer das nicht liefert, wer wegschaut, schweigt, delegiert und weiterfunktioniert, der ist nicht überfordert. Der hat sich entschieden. Auch wenn das System diese Entscheidung täglich leichter macht.

Ich weiß, dass nicht alle, die fehlen, fehlen wollen. Manche arbeiten. Manche sind erschöpft. Manche kämpfen selbst ums Überleben in einem System, das zwei Gehälter braucht, um eine Familie zu ernähren, und dann noch erwartet, dass man abends präsent ist. Das erkenne ich an. Aber das Kind auf dem Platz weiß das nicht. Es weiß nur, dass niemand kommt.

Und es zieht daraus einen Schluss, der sein Leben prägt, lange bevor irgendjemand auf die Idee kommt, einen Bericht darüber zu schreiben.

Eltern haben verlernt, dass Liebe auch Widerstand bedeutet.

Nicht dass Eltern nicht da sind. Sondern dass sie nicht mal mehr laut werden, wenn es zum Nachteil ihrer eigenen Kinder geht. Nicht für fremde Kinder. Nicht für die Nachbarskinder. Für ihre eigenen.

Das hat es früher gegeben. Den Vater, der zum Rektor geht und nicht wieder geht, bis er eine Antwort hat. Die Mutter, die auf der Stadtratssitzung sitzt und unbequeme Fragen stellt. Den Elternabend, auf dem tatsächlich gestritten wurde, weil Menschen noch das Gefühl hatten, dass ihr Wort etwas bewegt. Das ist weg. Durch Erschöpfung weggekonditioniert. Durch zwei Jobs. Durch Desinteresse. Durch eine Kultur, die jeden, der den Mund aufmacht, mit einem Etikett bestraft. Durch ein schleichendes Gefühl der Ohnmacht, das so lange eingeflüstert wurde, bis es sich wie Realität anfühlt. Bis Eltern vor Berichten sitzen, die ihre eigenen Kinder beschreiben, Selbstverletzung, Einsamkeit, Gewalt, Hoffnungslosigkeit, und nicken.

Und nach Hause gehen. Und nichts tun. Nicht weil sie nicht lieben. Sondern weil sie verlernt haben, dass Liebe auch Widerstand bedeutet. Dass Elternsein nicht aufhört, wenn die Schultür hinter dem Kind zugeht. Dass niemand diese Kämpfe für sie führt.

Das System schickt Menschen in die Bresche. Und lässt sie dort allein.

Und dann kommt das System. Das System, das diese Kinder auffangen soll, wenn zuhause niemand da ist. Das Sozialarbeiter, Lehrerinnen, Erzieherinnen in die Bresche schickt, und sie dort allein lässt. Menschen, die alles geben, weil sie wissen, dass niemand sonst da ist. Die Berichte schreiben, die niemand lesen will. Die weitermachen, obwohl sie selbst längst am Limit sind. Burnout. Depressionen. Zusammenbrüche hinter geschlossenen Klassentüren.

Das Bildungssystem löst diese Krise nicht. Es verwaltet sie. Seit Jahren. Mit wachsender Expertise im Verwalten und schwindender Bereitschaft zum Lösen. Das ist kein Vorwurf an Lehrkräfte vor Ort. Es ist ein Vorwurf an ein System, das sie in eine Rolle zwingt, die nicht ihre ist, und sie dort allein lässt.

40.000 bis 70.000 Lehrkräfte fehlen. Tendenz steigend. Die Antwort darauf war nicht, den Beruf attraktiver zu machen. Nicht besser bezahlen. Nicht die Bedingungen verbessern. Die Antwort war: Quereinsteiger ohne pädagogische Ausbildung direkt in den Unterricht. Verkürzte Referendariate. Seiteneinsteiger aus fachfremden Bereichen. Hauptsache irgendwer steht vorne an der Tafel. Das ist kein Vorwurf an diese Menschen. Das ist ein Vorwurf an ein System, das diese Antwort für akzeptabel hält. Das unseren Kindern gegenüber so tut, als wäre Anwesenheit dasselbe wie Unterricht.

Und dasselbe System versagt beim zweiten großen Thema, das niemand nüchtern besprechen will. Erzieherinnen verbringen den halben Tag damit, über iPads mit Kindern zu kommunizieren, weil kein Wort verstanden wird. Genau diese Kinder werden im selben Jahr eingeschult. Kein Deutsch. Keine Vorbereitung. Keine ausreichende Sprachförderung davor. Und das System tut so, als hätte das keine Konsequenzen. Eine Lehrerin gestaltet ihren Unterricht nicht mehr für die Klasse, sondern für die, die nichts verstehen. Die anderen warten. Immer. Das ist kein Argument gegen diese Kinder. Das ist ein Argument gegen ein System, das weder die einen noch die anderen angemessen fördert, und dann allen sagt, sie sollen toleranter sein. Als ob Toleranz Ressourcen ersetzt. Als ob Haltung ein Förderkonzept ist.

Unbegrenzte Toleranz ohne strukturelle Grundlage ist kein Zeichen von Stärke. Sie ist das eleganteste Werkzeug der eigenen Selbstaufgabe, das je erfunden wurde.

Warum brennen keine Telefone in den Büros der Verantwortlichen?

Warum wird niemand laut? Warum sitzen Eltern vor diesen Berichten, lesen was mit ihren Kindern passiert, und gehen dann einfach nach Hause? Warum füllen sich keine Stadtratssitzungen? Warum brennen keine Telefone in den Büros der Verantwortlichen? Warum ist der lauteste Raum in dieser Debatte immer noch der, in dem Fachkräfte unter sich sind?

Weil eine Gesellschaft, die ihre Eltern systematisch zermürbt hat, durch Armut auf Raten, durch Überforderung, durch eine politische Kultur, die Widerspruch bestraft und Schweigen belohnt, am Ende Eltern produziert, die nicht mal mehr für ihre eigenen Kinder auf den Tisch hauen. Die konditioniert wurden zur Ohnmacht. Die gelernt haben, dass es nichts bringt. Die so tief im Funktionieren versunken sind, dass Empörung sich wie Luxus anfühlt. Das ist kein Zufall. Das ist das Ergebnis einer Politik, die eine aktive, fordernde Bürgerschaft als Bedrohung betrachtet und eine erschöpfte, schweigende als Erfolg.

Deutschland verdummt nicht trotz seiner Bildungspolitik. Es verdummt durch sie.

Und das führt direkt zum nächsten Punkt. Weil das alles kein Unfall ist.

Es gibt eine politische Strömung in diesem Land, die Bildungsgerechtigkeit mit Bildungsnivelierung verwechselt. Auf Deutsch: Nicht alle nach oben fördern. Sondern die Latte so weit runtersetzen, bis alle drüberkommen. Nicht aus Unwissenheit. Aus Überzeugung. Die glaubt, dass Chancengleichheit bedeutet, alle ans gleiche Ziel zu bringen, statt allen denselben fairen Start zu ermöglichen. Ein Denkfehler, der sich seit Jahren durch Lehrpläne, Kultusministerien und Bildungsdebatten frisst wie Schimmel durch nasse Wände. Und der reale Konsequenzen hat. Für reale Kinder. In realen Klassenzimmern.

Das Ergebnis ist ein Schulsystem, das nicht mehr fördert, sondern angleicht. Das starke Schüler bremst, damit schwache nicht auffallen. Das Grundschulempfehlungen abschafft, Noten entwertet, Lehrpläne entrümpelt, Anforderungen senkt. Abiturquoten steigen. Kompetenzen sinken. PISA-Ergebnisse fallen. Auszeichnungen für inklusive Konzepte werden verteilt, für Konzepte, die ohne Personal, ohne Geld und ohne Vorbereitung in Klassenzimmer geworfen werden. Der Abschluss wird demokratisiert. Das Wissen dahinter nicht.

Niemand soll zurückbleiben, das ist das Versprechen einer Bildungspolitik, die Haltung für ein Förderkonzept hält und sich dabei für das Gewissen der Gesellschaft erklärt. Das Ergebnis: Alle bleiben zurück. Nur gemeinsam. Und das wird Gerechtigkeit genannt. Die Klugen passen sich den Dummen an. Das klingt hart. Es ist hart. Aber schau dir die Landschaft dieses Landes an. Menschen, die im freien Markt keine einzige Woche überleben würden. Die kein Unternehmen führen könnten, keine Verantwortung tragen, keine Konsequenz spüren würden für das, was sie entscheiden. Die dort oben sitzen, nicht weil sie besser sind, nicht weil sie mehr können, nicht weil irgendjemand sie gewählt hätte, wenn er gewusst hätte, was er bekommt, sondern weil ein System, das Mittelmäßigkeit belohnt und Exzellenz bestraft, zwangsläufig Mittelmäßige nach oben spült. Nicht trotzdem. Deshalb.

Rechtschreibung wurde vereinfacht, nicht weil man besser unterrichtete, sondern weil man die Norm ans Versagen anpasste. Kopfrechnen gilt als überholt. Klassiker verschwinden aus Lehrplänen, weil sie zu unbequem sind. Geschichte wird so lange in Gefühlsarbeit eingebettet, bis das Verstehen von Ursachen zur Nebensache wird. Das Ergebnis ist eine Generation, die kaum noch denkt. Meinungen konsumiert statt bildet. Die nicht mehr weiß, was sie nicht weiß. Die keine Maßstäbe mehr hat, weil ihr nie jemand beigebracht hat, wie man welche entwickelt. Die nicht mehr weiß, wer sie ist, was sie will, wofür sie steht, weil Identität Reibung braucht, Auseinandersetzung, unbequeme Fragen, und genau das wurde ihr systematisch erspart. Beschützt vor Scheitern. Beschützt vor Anstrengung. Beschützt vor sich selbst. Und genau das macht sie kaputt. Denn ein Mensch, dem nie zugemutet wurde, an sich zu wachsen, der nie gelernt hat, Niederlagen einzuordnen, Grenzen zu spüren, sich selbst zu kennen, dieser Mensch ist nicht geschützt worden. Er wurde kleingehalten. Weichgespült. Abhängig gemacht von Bestätigung, die nie ausreicht, weil sie nie verdient wurde. Das ist kein Versehen. Das ist narzisstischer Missbrauch auf Raten. Durch ein System, das sich Fürsorge nennt.

Das ist kein Versagen. Das ist ein Ergebnis. Eine Gesellschaft, die nicht mehr kritisch denkt, die keine Maßstäbe mehr hat, die Geschichte nicht kennt und Zahlen nicht einordnen kann, diese Gesellschaft stellt keine unbequemen Fragen. Die vergleicht nicht. Die erinnert sich nicht. Die schluckt, was ihr hingestellt wird. Ein dumpfes, zufriedenes, verwaltbares Volk ist kein Kollateralschaden schlechter Bildungspolitik. Es ist ihr folgerichtigstes Ergebnis. Und der Beweis dafür steht täglich in den Kommentarspalten, in Wahlergebnissen, in einer Öffentlichkeit, die auf Empörung konditioniert wurde, aber nicht auf Erkenntnis.

Deutschland verdummt nicht trotz seiner Bildungspolitik. Es verdummt durch sie. Planmäßig. Geräuschlos. Erfolgreich. Wer das ausspricht, bekommt sein Etikett. Du weißt welches. Weil eine Ideologie, die sich im Recht fühlt, keine Kritik braucht. Die braucht nur dein Schweigen.

Gleichgültigkeit ist keine neutrale Position. Sie ist eine Entscheidung.

Ich bin es leid, seit Jahren dieselben Gespräche zu führen. Mit Fachkräften, die alle wissen, was passiert. Die es dokumentieren, benennen, belegen. Und die trotzdem nicht gehört werden. Von Politikern, die Berichte in Schubladen verschwinden lassen. Von einer Öffentlichkeit, die lieber wegschaut. Von Eltern, die nicht kommen. Von einem System, das funktioniert, nur nicht für die Kinder.

Wer all das seit Jahren mit "ist gar nicht so schlimm" oder "das war früher auch so" begleitet, hat sich entschieden. Nicht für eine andere Meinung. Für Gleichgültigkeit. Und Gleichgültigkeit ist keine neutrale Position, wenn Kinder fallen. Sie ist eine Entscheidung gegen sie. Aktiv. Täglich. Konsequent.

Die bequeme Blindheit dieser Menschen hat nicht dasselbe Gewicht wie dreißig Seiten über Kinder, die sich selbst verletzen. Die keine Bezugsperson haben. Die auf leeren Tribünen stehen und warten. Dreißig Seiten, in denen jeder Satz ein Kind ist, das kämpft. Die niemand wegdiskutieren kann, der noch einen Funken Ehrlichkeit in sich trägt.

Wer es trotzdem versucht, ist nicht anderer Meinung. Der ist Teil des Problems.

Wann hast du aufgehört, ehrlich zu sein, mit dir selbst?

Wir haben uns angewöhnt, das System zu beschuldigen. Das System ist schuldig. Aber das System hat kein Gesicht auf der Tribüne. Du schon.

Wann hast du aufgehört, die erste Bezugsperson deines Kindes zu sein? Wann hast du aufgehört, unbequem zu werden, nicht für fremde Kinder, sondern für dein eigenes? Wann hast du aufgehört, dich selbst zu fragen, ob du genug da bist?

Nicht ob du genug verdienst. Nicht ob du genug organisierst. Ob du da bist.

Das bedeutet nicht, jeden Schritt zu begleiten und jede Niederlage abzufedern. Kein Helikopter, der über dem Kind kreist und jede Reibung wegräumt, bevor sie entsteht. Reibung ist Entwicklung. Scheitern ist Lernen. Altersgerecht erziehen bedeutet zutrauen, nicht beschützen vor dem Leben, sondern vorbereiten auf es.

Es bedeutet auch: das Handy wegzulegen. Nicht nur seines. Deins. Ein Kind, das beim Abendessen auf einen Erwachsenen schaut, der auf seinen Bildschirm starrt, lernt daraus alles über seinen eigenen Stellenwert. Stundenlanger Handykonsum vor Kinderaugen ist keine Kleinigkeit. Es ist eine Botschaft. Täglich wiederholt.

Das System wird sich nicht selbst hinterfragen. Das war noch nie seine Stärke. Und es wird es erst recht nicht tun, solange du schweigst und selbst nichts tust.

Unsere Schwächsten stehen auf leeren Tribünen. Und warten darauf, dass endlich jemand kommt. Lies den Bericht. Er liegt hier vor dir, oder scrolle noch 4 Stunden auf Instagram, Facebook, TikTok und Co. Dreißig Seiten. Nur die Wahrheit darüber, was passiert, wenn eine Gesellschaft so lange wegschaut, bis Wegschauen zur Normalität wird. Lies ihn. Und dann stell dir eine einzige Frage:

Wenn nicht du, wer dann?

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